von Thomas W. Grau

Meine Ausgangssituation damals:

Alle meinten, das geht so nicht. Da kam einer, der wußte davon nichts und tat es einfach.

 

Ganz so einfach wie in diesem Spruch war es nicht, aber dies fällt mir immer spontan ein, wenn ich über die Anfänge nachdenke. Als ich noch Student der Physikalischen Ingenieurs-wissenschaften in Berlin war und während einiger Semester auch Vorlesungen der Astronomie und Astrophysik belegte, begann ich mich ebenfalls intensiv mit Planetologie und Meteoritenkunde zu beschäftigen. Ein allseits interessierter Amateurastronom und begeisterter Beobachter war ich schon länger. Doch wer hätte ahnen können, daß mein Interesse speziell an Meteoritenfällen und deren steinerne Zeugnisse bzw. den Feuermeteoren selbst mich eines Tages zum Experten für Meteoritenkunde machen.

Als ich 1996 einen Boliden des Meteorstroms Leoniden erlebte, dessen Flugbahn mehr als 40min ionisiert blieb und später vom Winde verweht wurde, war mein Interesse groß, ob dies vielleicht ein Meteoritenfall war. Doch niemand konnte mir weiterhelfen. War ich gar der einzige Zeuge? Durch dieses aufrüttelnde Ereignis fand ich erstmals den Kontakt zum Arbeitskreis Meteore e.V. und zum deutschen Feuerkugelnetzwerk der DLR. Dabei bemerkte ich schnell: es gab einige ambitionierte Beobachter, aber keine ernsthaften professionellen Sucher nach möglichen Meteoriten infolge eines solch spektakulären Feuermeteors.

Klar, es gab wiederum Fachleute für Meteorite, Kuratoren von Museumssammlungen und eine kleine Sammlergemeinschaft für sündhaft teure Steine aus dem Weltraum. Aber niemand ging Suchen oder hatte gar die Absicht, suchen zu wollen. Es sei denn, mindestens ein Stein war irgendwo in einem Garten schon gefunden worden oder lag zerschlagen im Dachboden eines Hauses. Doch jeder ehrgeizige Aufbruch eines Interessierten schien schon nach kurzer Zeit in Ermangelung von Zeit oder Geduld zu erlöschen, denn gefunden wurde nichts. Die typischen Finder waren die unaufgeklärten Bewohner des Hauses oder zufällige Gärtner im Grünen.

Auch schien niemand wirklich wissen zu wollen, was ein zufälliger Zeuge des Himmelsereignisses zu berichten hat. Es war uninteressant, weil, nach der gängigen Meinung der Experten, viel zu ungenau. Man verließ sich lieber auf Daten, die empirisch gemessen wurden und auswertbar waren, auch wenn dies meistens bedeutete, daß oft das Ereignis aus mehr als 100km Abstand betrachtet werden mußte. Sobald das Wetter es zuließ, war das sekundenlange Meteorereignis dann auch mehr oder weniger gut auf einer Langzeitbelichtung aufgenommen. Der abstrakt anmutende kleine schwarze Strich auf dem Negativ sollte also mehr verraten können als ein Zeuge vor Ort? Wie oft ist das Feuerkugelnetz eigentlich einem Meteoritenfall hinterher gelaufen, ohne Fund, ohne Erfolg? Wie oft passierte das seltene Ereignis und das Netzwerk war zu dieser Tageszeit nicht in Betrieb?

Definitiv, da war meiner Meinung nach mehr drin!

Wenn man einen Astronomen, Physiker oder Meteoritenfachmann fragte, was ein Meteor ist, so bekam man eine gute Erklärung. Aber schon die Frage nach einem Boliden oder gar einem Ereignis, welches Meteorite vom Himmel fallen läßt, brachte nirgends eine klare Antwort. In dieser Hinsicht war das Wissen jener Wissenschaftler so unklar und ungenau, daß es mich reizte, diese Informationen so genau wie nur möglich selbst zusammenzutragen. Das ging wohl Ernst F.F. Chladni im Jahre 1794 ähnlich, als dieser der Meteoritenkunde ins Leben verhalf. Es waren mühsame Jahre, aber Schritt für Schritt begriff ich, worauf es ankam und welche Beobachtungen man als Zeuge vor Ort machen könne. Die Frage war eben nur, was nimmt der Beobachter alles in der Kürze bewußt wahr und kann der überraschte Zeuge die unglaubliche Beobachtung auch richtig beschreiben?

Noch viel mühsamer waren dann die ersten Jahre der Suche nach den Meteoriten. Alle sagten, gehe in die Wüste. Aber da wollte ich doch gar nicht hin. Ich besuchte alte Meteoritenfälle in Europa und ihre Fallgebiete. Einen Meteoriten fand ich dort niemals. Ich warf sogar einen schwarzen Golfball auf ein brandenburgisches Feld und konnte ihn anschließend nicht wieder finden. Ich brauchte Tage dafür! Aber das Erstaunlichste dabei ist, man entwickelte ein Gefühl für die Natur selbst. Was kann alles in der Natur passieren? Wie schnell ist die Veränderung? Was gehört hier her und was dürfte nicht hier sein? Was kann ich alles mit meinem Tun erreichen? Und beim Suchen hat man viel Zeit, sich Fragen zu stellen und neue Lösungen zu entwickeln.

Die meisten hauptberuflichen Wissenschaftler nehmen die Amateure nicht sehr ernst, dabei haben diese eine unbezahlbare Qualität – Ihre Leidenschaft! Der Begriff Amateur kommt vom lateinischen Wort für Liebe. Amateure lieben ihre Aufgabe! In diesem Sinne möchte ich auch heute noch als Profi mir gerne diese Leidenschaft des Amateurs bewahren.

Meine Motivation heute:

Die Erfolgreichen sind sicherlich deshalb so erfolgreich, weil sie Dinge tun die weniger Erfolgreiche unterlassen!
(George Simenon)

Ich bin auf jeden Fall immer auf dem Weg zum nächsten Meteoritenfund. Hoffentlich ist der Weg dorthin nicht mehr allzu lang.

 

Thomas W. Grau
Bernau bei Berlin,
August 2008